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16.07.2021

Lebensgeschichte


Wer so schreit, kommt durch!
Lebensgeschichte von Senga Müller Schiwur.

 

Wer sagt denn, dass man berühmt sein muss, um eine Autobiografie zu verfassen?
Nun, es hilft auf jeden Fall bei Verkauf und Verbreitung des Druckerzeugnisses, doch dies allein lässt natürlich keine Aussage darüber zu, wie bedeutsam, wichtig oder gut ein Werk ist. Nun hat die Baltrumerin Senga Müller Schiwur solch ein "Lebenswerk" zu Papier gebracht im wahrsten Sinne des Wortes, und immerhin hat sie insofern auf der Insel Berühmtheit erlangt, als sie einst das Friedenslicht nach Baltrum holte und dies alljährlich zu Weihnachten wiederholt.


Kerzen und Kerzenlicht spielen, wenn man so will, eine zentrale Rolle in Sengas Leben. Zu jeder Gelegenheit und vor allem, wenn sie es schön und warm haben möchte oder muss, werden Kerzen angezündet. Kein Wunder, ist sie doch am Heiligen Abend zur Welt gekommen, als Zwilling in einer mit zwei älteren Kindern bereits vermeintlich vollen Normalfamilie. In der Enge und Strenge und im Mief der Fünfzigerjahre (zumal als Tochter eines Tabakwarenhändlers) merkt sie schon als kleines Kind, dass das Leben nicht alle gleich herzlich willkommen heißt und das Glück in der Welt unterschiedlich verteilt ist. Stolpersteine liegen überall. Senga fühlt sich unverstanden, will es allen recht machen, schreit nach Liebe... ständige Ambivalenz zwischen unterschätztem Selbstvertrauen und überschätztem Selbstzweifel – leichte Beute für böse Onkels. Durchkommen an sich kann ja nicht Lebensziel sein, auch wenn man noch so laut brüllt.


Es gibt Menschen, die sich genau erinnern können, wann sie was gegessen haben oder was sie zur Einschulung an hatten. Senga gehört dazu. Sie lässt uns daran teilhaben und schildert kleine Begebenheiten gleichermaßen ausführlich und intensiv wie die großen Höhepunkte in ihrem Leben, in einer merkwürdigen, beinahe distanzierten Nüchternheit, offen, schonungslos, ohne Gnade. Die schönsten Kapitel sind die, in denen Senga anderen Menschen selbstlos in Form von Krankenpflege hilft und helfen kann. Da ist sie ganz bei sich und doch für die/den anderen da, einfach, ohne Erwartungen, ohne Ansprüche. Ein spannender Ausbildungsweg, interessante Arbeitsstellen und das Leben in fernen Länder allein machen nämlich nicht froh, und der eine oder andere Mann in ihrem Leben schafft dies auch nicht so richtig und schon gar nicht auf Dauer. Der gealterte Prinz kommt spät, dafür in Gestalt einer rheinischen Frohnatur. Een eschte kölsche Jung. Was für ein Glück!


Das wissen die Baltrumerinnen und Baltrumer natürlich, und daher wissen sie auch, dass das Buch gut ausgeht und Sengas Leben ein glückliches Finale feiert. Sonst könnte man vor der schieren Masse an eng beschriebenen Seiten (599) kapitulieren. Man sollte das Buch nicht im November und schon gar nicht in einem Lockdown anfangen zu lesen: mitunter sind die in kurze Kapitel häppchenweise unterteilten Lebensabschnittchen ebensowenig lustig wie sich die Autorin über weite Strecken gefühlt haben muss. Es ist jetzt im Sommer die richtige Zeit, mit viel Licht, einer frischen Brise Wind im Gesicht, am besten im Strandkorb mit Wellenrauschen im Ohr. Und dem hoffentlich heiteren Selbst als Spiegel für jede Menge (hobbymäßig oder ernstzunehmender) psychologischer Gutachten, die die (richtige oder falsche oder wie auch immer geartete) sich aufdrängende Diagnose aus dem Lesestoff hergibt.

 

Das Buch gibt es bei der Bücherplantage.de (einem Verlag für bekannte und unbekannte Autorinnen und Autoren) und auf Baltrum bei der Autorin für 19 Euro 90, zum Beispiel an einem ihrer Lese-Abende. Die nächste Lesung findet am Donnerstag, dem 22. Juli im Strandhotel Wietjes statt, Wiederholung am 5. August. Der Eintritt kostet 5 Euro an der Abendkasse.


 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Foto: Senga Müller Schiwur