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20.07.2021

Erste Staffel


Ein Montagmorgen im Sommer am Baltrum-Strand, der Himmel mehr grau als blau, die Brise eher frisch als warm, die letzten Teilnehmenden der Strandgymnastik fachsimpeln noch über dies und das, die frühen Tagesgäste schwappen über den Flutsaum, eine Kindergruppe sichert sich ein kleines Strandareal und stürmt ungestüm ins Niedrigwasser zu den Quallen... da steht ein erster Notenständer auf dem Sportpodest und kündigt das kommende Strandsingen an.

 

Guten Morgen! Guten Morgen! Einen schönen guten Morgen! erklingt es von allen Seiten, und schon sitzen drei Akkordeons zum Musizieren bereit, drei Gitarren stellen sich dahinter. Zum Strandsingen! Wie jeden Morgen in der Sommerwoche, wie seit bald 75 Jahren. Da singen und spielen alte inselbekannte Gästeurgesteine mit jungen familientradierten Gästetalenten, als täten sie ihr Lebtag nichts anderes und als würden sie sich nicht nur ein paar Wochen im Jahr treffen.

 

Gerlinde Wienzirc gibt den Takt und den Ton an. Sie ist auch so ein Urgestein in der Folge der Strandsängerinnen und Strandsänger aus der Baltrumer Gästeschar mit Namen wie Anneliese Grossjohan, die die Geschichte 1948 ins Leben gerufen hatte, Heide Siegmann (1988 bis 1999), Christiane Wolff und Franz Strickmann (seit 2010). Gerlinde Wienzirc leitete von 2000 bis 2010 das Strandsingen, wir erinnern uns: damals wie heute mit einem großen Lachen im Gesicht. Als die Kurverwaltung sie für dieses Jahr fragte, ob sie für die ersten Ferienwochen wieder einspringen könnte, zögerte sie nicht lange und nahm die Gelegenheit beim Schopf, den altehrwürdigen Sammelsingsang zu entstauben und von Altlasten zu brefreien, neu aufzulegen und vor allem mit Noten in einem Extraheft für die Instrumentalisten und Musikerinnen zu bestücken (ab und zu könnten ja Block- oder Querflöte, Mundharmonika, Banjo, Ukulele und jedes mögliche strandtaugliche Instrument hinzukommen). Eines dieser Exemplare drückt sie der Inselreporterin in die Hand zur Übergabe in das Archiv des Heimetvereins; ob wohl noch jemand von der Kurverwaltung kommt vor dem "Schichtwechsel"? Jonathan Rochol hat ihr bei der Notation geholfen – der junge Musiker probt sein Talent neben ihr sitzend auf der Bühne – auf dem Sportpodest! – den ebenso talentierten Musikerkumpan Jannik neben sich.

 

Und dann geht es los. Eine Nummer aus den über 140 Liedertexten des von der Kurverwaltung gedruckten und zur Mitnahme oder Ausleihe parat liegenden "Sammelsingsangs" wird andekündigt, auf dass jeder Gast textsicher mitsingen könne. Moin, moin, moin! und viele andere Strand-, Sand- und Seelieder erklingen, meist bekannte Melodien, baltrumvertextet. Gerlinde, Jonathan, Jannik, Martin, Brigitte, Regina und Jürgen geben mit ihren Instrumenten Melodie und Takt vor, die Gäste stimmen ein, die Lungen werden mit frischer Nordseeluft gefüllt, die Körper wiegen im Takt der Nordseewogen, die Möwen beäugen das Spektakel von Oben hin und her, die Glückshormone springen über, und trotz der erforderlichen aber natürlichen Abstände mutet das Ganze wie ein geschlossenes Konzert vor grandioser Kulisse an... man hat ja gefühlt sein Lebtag nichts anderes gemacht. Ein Kanon? Nichts leichter als das!

 

Ein halbes Stündchen wird an der frischen Luft in Gemeinschaft gesungen (zur Not bei Regen in der Mehrzweckhalle beim Strandcafé), dann ist man fit für den Tag, komme, was da wolle. Die Gesellschaft löst sich auf: Tschüss! Tschüss! Tschüss, bis morgen! Die Gesichter gebräunter, die Stimmung heller, die Geister froher, ach, wie schön, wie jeden Morgen im Sommer auf Baltrum! Mittwochabends gibt es im Dünental hinter der katholischen Kirche nochmals Gelegenheit zum Draußensingen und -musizieren in der Inselnatur, dann ist Dünensingen angesagt. Da sind die Eingeschworenen wie jeden Morgen unter der Woche genauso dabei wie neue Gäste, denn jede/r ist herzlich willkommen! 


 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Sabine Hinrichs