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09.09.2021
Walross III.
Walross auf Baltrum
Der dicke Fund hat den Angler, der das Walross auf Baltrum am Dienstagmorgen als erster entdeckte und meldete, Dr. rer. nat. Wolfgang Schulte aus Bonn, nicht in Ruhe gelassen. Der promovierte Biologe, der als Fachmagazin- und Fachbuchautor bekannt ist (u.a. für das Angelmagazin "Blinker"), hat seine Fühler ausgestreckt und in einer "Recherche-Odyssee" allerhand über das große Tier aus dem Polarkreis und vor allem über seine Verletzungen an den Flossen herausgefunden. Über Dr. Sebastian Schulz vom Fischereiamt Bremerhaven und das Alfred Wegener Institut bis zur tierärztlichen Hochschule in Hannover hat er bei verschiedenen Spezialistinnen und Spezialisten Erkundigungen eingeholt. Prof. Dr. Ursula Siebert vom Institut für Aquatische Wildtierbiologie schätzt anhand der Fotos die Verletzung als sehr groß ein und bestätigte seine Befürchtungen.
Angler Schulte traute seinen Augen kaum, als er früh morgens den dicken Koloss am Buhnenkopf (Buhne D) nahe des Kardinalzeichens liegen sah. Zuerst schaue er immer: "Sind da schon Angler?", dann vermutete er zwei Kegelrobben, doch selbst dafür war der "Seesack" viel zu groß. Beim Näherkommen schaute er im aufgehenden Tageslicht nicht schlecht, als er das Tier als Walross erkannte - noch nie hatte er eines aus dieser Nähe gesehen. Walrosse kommen in den südlichen Nordsee normalerweise nicht vor, und selbst in Zoos sind sie mittlerweile rar geworden. Allein der Tierpark Hagenbeck in Hamburg hat heute noch eine Gruppe. Diese gehören wohl zur Art der pazifischen Walrosse, während es sie hier um ein atlantisches Tier handelt.
Wolfgang Schulte und Hermann Wietjes vom NLWKN (dem Niedersächsischen Landesbetrieb für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz) standen am Dienstmorgen um kurz nach sechs Uhr fast eine Stunde lang vor oder neben dem Walross am Buhnenende am Südweststrand der kleinsten Ostfriesischen Insel. Das ganze Verhalten des erstaunlich großen Tieres beschreibt er als "nicht normal". Erst vermutete er einen Totfund, doch dann schien das Walross aus dem Tiefschlaf aufzuwachen, strich sich mit den Flossen über die Augen und wachte ganz auf. Die Atmung des Tieres ging stoßweise, berichtet er, ein Fluchtreflex war nicht zu erkennen, was untypisch für Robbentiere ist. Dafür lief immer wieder ein Zittern durch den Körper. Das Tier erschien ihm nicht abgekommen, also nicht abgemagert, doch es ist wohl verletzt.
Zu erkennen war eine ziemlich große, schwere Wunde in einer Größe von mindestens 15 Zentimeter an der Innenseite der linken Vorderflosse, beschreibt er die Auffindsituation. Und auch an der rechten Innenflosse habe er eine Ablederung bemerkt. Die linke Wunde hat mittig einen weißen Fleck; ob es sich um Knochen oder Knorpel handelt, konnte nicht mit Sicherheit festgestellt werden, wie es Prof. Dr. Siebert anhand der zugeschickten Fotos vermutete. Eine helle Zone am Rand könnte eine beginnende Granulationsgewebebildung sein - oder auch die angeschnittene Unterhautfettschicht. Die Wunde scheint nicht infiziert zu sein, es waren stellenweise Blutungen auf dem Muskelgewebe zu sehen. Fliegen hatten sich auf die Wunde gesetzt, die durch spätere Schwimmgänge des Walrosses wieder abgespült und mögliche Eiablagen entfernt wurden.
Das Tier bewegte sich humpelnd über die Außenflossen, nachdem es mit dem auflaufenden Wasser mehrmals nach einem Schwimm- und Tauchgang nach und nach stückchenweise auf der Buhne zur Insel (und dem zunehmenden Pulk an Schaulustigen) hin näher kam. Das junge, weibliche Tier mit fingerdicken Stoßzähnen versuchte also offensichtlich, die Verletzungen auf der rauen Buhne nicht zu belasten. Man müsse auch Sorge vor einer Blutvergiftung haben, meint Schulte, weshalb bei einer weiteren Sichtung die Verletzungen bereits bekannt sein sollten. "Dann stehen die Nächsten, wenn das Walross wieder auftaucht, nicht davor wie der Ochs vorm Berg", findet er wichtig. Falls man dem großen, seltenen Tier irgendwie helfen könnte, wäre das gut.
Es war am Dienstag bereits eine Rettungsaktion über die Robbenstation Föhr und Tierärztin Janine Bahr- van Gemmert (mit Walross-Erfahrung aus Hagenbecks Tierpark) eingeleitet worden. Bevor der Flug losging, ist das "Baltrumer Walross" aber wieder abgetaucht und zur Wichter Ee hinausgeschwommen.
Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Dr. Wolfgang Schulte
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