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10.11.2023

Buchtipp: "Unser Hotel ist judenfrei"


Neulich fiel mir wieder ein Buch in die Hände, das schon etwas länger hier liegt, aber an Aktualität und Gültigkeit nichts verloren hat. Eigentlich sollte es gestern, zum 9. November an dieser Stelle vorgestellt werden... aber, nu.

 

„Unser Hotel ist judenfrei“: Bäder-Antisemitismus im 19. und 20. Jahrhundert
von Frank Bajohr ist 2003 als Fischer-Taschenbuch erschienen.

Mit dem Aufschwung des Tourismus im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts deklarierten sich Seebäder, Kurorte und Sommerfrischen zunehmend als "judenfrei", um antisemitisch gesinnte Feriengäste anzuziehen. Der Autor analysiert diese dunkle Seite des Ferienidylls im Wandel der Jahrzehnte – in Deutschland, Europa und den USA.

 

Abgesehen davon, dass diese fundierte geschichtswissenschaftliche Betrachtung spannend zu lesen ist, berührt es uns auf Baltrum besonders, da wir soeben mit der Paul-Klee-Ausstellung „Sommerfrische auf Baltrum 1923“ im Museum Altes Zollhaus (nur) die schönen Seiten des beginnenden Tourismus auf Baltrum aufgearbeitet haben – wohl wissend, dass dunkle Zeiten lauerten und große Schatten latent waren. Auch auf der kleinsten Ostfriesischen Insel "zierten" früh schon Hakenkreuze die Titelbilder der Prospekte.

 

Bajohr war seinerzeit auf die so genannte und nicht nur für ihn verstörende Borkum-Hymne gestoßen: „Borkum, der Nordsee schönste Zier / bleib du von Juden rein / lass Rosenthal und Levysohn / in Norderney allein.“ – Unfassbar, wurde das Lied doch im Kurort öffentlich gesungen und von der Kurkappelle gespielt. Es handelte sich um eine zwar bizarre, aber nicht einzigartige Erscheinung, für die sich unter den deutschen Juden schon vor dem Ersten Weltkrieg das Schlagwort "Bäder-Antisemitismus" eingebürgert hatte, schreibt er.

Dieses war für den Autoren und Wissenschaftler Anlass, der Geschichte und Entwicklung des Bäder-Antisemitismus nachzugegen, der nicht nur in den Seebädern auftauchte. Das neue Phänomen breitete sich im ganzen Deutschen Kaiserreich aus – an Nord- und Ostsee allerdings  "epidemisch". Mit Ausnahme von Norderney galten alle Ostfriesischen Inseln als antisemitisch.

 

Die antisemitische Profilbildung eines Badeortes hing nicht allein von entsprechend gesinnten Gästen ab, wie das Beispiel Baltrum zeigt. "Eine Schlüsselrolle in diesem Prozess kam nicht zuletzt dem Verhalten der lokalen Badeverwaltungen und "Badekommissaren" zu, je nachdem, oben sie antijüdische Erscheinungen bekämpften, tolerierten oder sich gar an die Spitze derartiger Bestrebungen stellten. Wie nachgiebig sich manche Badekommissare gegenüber dem Drängen von Antisemiten verhielten, demonstrierte 1913 Badekommissar Evers, der auf Baltrum amtierte, der kleinsten ostfriesischen Insel. Nachdem im Jahre 1912 eine Reihe jüdischer Gäste nach antisemitischen Zwischenfällen abgereist war, zog Evers aus den Vorfällen eine bezeichnende Konsequenz: Zwar versicherte er auf Anfrage, dass ihm die Vorfälle „sehr leid“ täten und die antisemtische Hetze nicht von den Inselbewohnern, sondern von den Gästen ausgegangen sei, fügte jedoch resümierend hinzu: „Um solchen oder ähnlichen Fällen in Zukunft vorzubeugen, werden wir uns durch das Geschehene leider genötigt fühlen, in unserm Prospekt darauf hinzuweisen, dass jüdische Gäste in Zukunft nicht willkommen sind.“ Diese bestechende Logik strafte die Opfer antijüdischer Übergriffe gleich doppelt ab und kam einer verkappten Einladung an Antisemiten gleich, mit entsprechenden Aktionen in den Bädern in ihrem Sinne Fakten zu schaffen." (S. 17)

 

Insgesamt definierten sich an der deutschen Nordseeküste bereits vor dem Ersten Weltkrieg die Mehrheit der Bäder offiziell antisemitisch.

 

Bajohr geht u.a. auch der Frage nach, wie die sozialkulturelle Zusammensetzung der Gäste sich auf Feindlichkeiten aller Art auswirkt haben mag und warum, und so ist das Buch auch eine Fundgrube für die historische Betrachtung der Geschichte des Fremdenverkehrs im Allgemeinen und umspannt ein wahrlich großes Feld. Wie z. B. der Flaggenstreit in der Weimarer Republik nach 1919 ausgefochten wurde, ist ein spannendes Stück Geschichte, wie Bajohr es am Beispiel Helgoland zeigt.

 

Die Geschichte des Antisemitismus in Deutschland ist mit der Frage der Kontinuität und Diskontinuität verbunden, vor allem steht sie unter dem Eindruck der Judenverfolgung nach 1933 und der Ermordung von sechs Millionen europäischer Juden im Zeiten Weltkrieg. Nach 1918/19 hatte die Zahl antisemitischer Hotels als auch die gewalttätigen Übergriffe auf jüdische Gäste zugenommen. So seien „judenreine“ Badeorte nach dem Ersten Weltkrieg nicht mehr nur Refugien für Antisemiten, „sie avancierten in der antisemitischen Agitation zu Modellen für ein ‘judenreines‘ Deutschland insgesamt.“ Es hatte sich zuvor eine Grundhaltung gegenüber der jüdischen Minderheit gebildet, eine Apartheid unter dem Einfluss des Bäder-Antisemitismus, ohne die die nationalsozialistische Ausgrenzungspolitik nicht so erfolgreich verlaufen wäre, so Bajohrs Fazit.

 

Kurorte und Badeorte sind ein Spiegelbild der Gesellschaft en Miniature – und die Beteiligten, Gastgebende wie Gäste, tragen große Verantwortung, die Antennen für bizarre Strömungen und Störungen auf Empfang zu stellen und mögliches Übel rechtzeitig zu benennen und möglichst zu verhindern.

 

Das Buch hat über 200 Seiten inkl. ausführlichem Quellennachweis und Anhang und ist im Handel erhältlich, kostet um die 20 Euro, gebraucht ca. 10 Euro.

 

Link unten: Vortrag von Frank Bajohr 2006, eine Kurzfassung sozusagen.



Link -> Frank Bajohr, Vortrag 2006, PDF

 

 

 


Autor: Sabine Hinrichs
Fotos: Buchtitel


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